Würzburg

Frühjahr 1946: Ein Varieté sorgt für Lachen im zerstörten Würzburg

"Bunte Palette": Eine Künstlertruppe wollte die Menschen in der Nachkriegszeit aufmuntern. Ausgerechnet der 25. Auftritt am 27. Februar 1946 fand vor ernstem Hintergrund statt.
Margarete Röttinger (damals Margarete Schnellenberger, rechts) bei einem 'Marschtanz' im Jahr 1941. Vier Jahre später tanzte sie bei den Aufführungen der 'Bunten Palette'.
Foto: Roland Flade (Reproduktion) | Margarete Röttinger (damals Margarete Schnellenberger, rechts) bei einem "Marschtanz" im Jahr 1941. Vier Jahre später tanzte sie bei den Aufführungen der "Bunten Palette".

Der Schausteller, der vor 75 Jahren bei Oberbürgermeister Gustav Pinkenburg vorsprach, hatte eine besondere Fähigkeit: Er könne, sagte er, nur mit den Zähnen einen Möbelwagen ziehen. Der Mann wollte bei der "Bunten Palette" mitwirken, einer kleinen Varietétruppe, die in Würzburg und in den Dörfern der Umgebung auftrat, um Geld für den Wiederaufbau der wenige Monate zuvor völlig zerstörten Stadt zu sammeln.

Rainer Spitznagel. 
Foto: Heike Spitznagel | Rainer Spitznagel. 

Der Mann hatte kein Glück, schreibt der 2019 gestorbene Rainer Spitznagel, der damals als 16-Jähriger im Vorzimmer des OB saß, in seinen Erinnerungen. Denn: Ein Möbelwagen passte nicht auf die Bühnen, auf denen die Künstlerinnen und Künstler der "Bunten Palette" auftraten.

Das Ensemble, das gute Laune in einer Zeit des Mangels und der Not verbreiten wollte,  hatte sich im Herbst 1945 zusammengefunden. Es war eine kleine Gruppe, die in den Worten Rainer Spitznagels "in einer Zeit körperlicher Entbehrungen, geselliger Enthaltsamkeit und fehlender Kultureinrichtungen die Menschen wieder zum Lachen brachte".

Alle traten kostenlos auf; die Einnahmen kamen dem Wiederaufbau Würzburgs zugute. Margarete Röttinger, die damals 21 Jahre alt, gehörte dazu. "Jeden Samstag und Sonntag fuhr das ganze Ensemble mit einem Omnibus vor dem Studentenhaus ab in die umliegenden Orte. Während um uns alles in Trümmern lag, versuchten wir dem Publikum einige frohe Stunden zu bereiten", schrieb sie im Buch "Meine Jugend in Würzburg".

Ein Gruß für die evakuierten Würzburger

In den Orten rund um das Trümmerfeld lebten Zehntausende von evakuierten Würzburgern; die Vorstellungen sollten auch ein Gruß aus der Heimatstadt sein, in die sie zum Teil erst nach langen Jahren zurückkehren würden. Die sogenannten "Außenbürger" durften, bis es soweit war, sogar an den Würzburger Kommunalwahlen teilnehmen.

So sah die Stadt aus, als die Künstlerinnen und Künstler der 'Bunten Palette' vor 75 Jahren Geld für den Wiederaufbau sammelten.
Foto: Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege, Nachlass Carl Lamb | So sah die Stadt aus, als die Künstlerinnen und Künstler der "Bunten Palette" vor 75 Jahren Geld für den Wiederaufbau sammelten.

Rainer Spitznagel war im Studentenhaus, dem "Stadthaus" genannten Sitz der Stadtverwaltung, in die Vorbereitung der Auftritte involviert: "Bei uns wurden nicht nur die Eintrittskarten hergestellt und mit dem Stadtsiegel versehen, sondern auch verteilt", erinnerte er sich. "Dafür gab es Vertrauenspersonen unten den Evakuierten, die entsprechende Veranstaltungsräume mieteten, Werbung machten, den Eintritt regelten und notfalls die Künstler für eine Nacht am Ort unterbrachten."

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Margarete Röttinger hatte am 16. März 1945 alles verloren, doch sie wollte sich für den Wiederaufbau Würzburgs einsetzen. Sie war, wie die meisten, unterernährt, und hatte oft großen Hunger. Manchmal wurde er überraschenderweise gestillt: "Ab und zu bekamen wir nach unseren Auftritten etwas zu essen, zum Beispiel von der Sauerkrautfabrik Bötsch in Unterpleichfeld. Das war dann auch für mich ein Glücksfall."

Aufmunterung war dringend nötig

Vor 75 Jahren, am Mittwoch, dem 27. Februar 1946, fand die Veranstaltung zum 25. Mal statt, und zwar zur Feier des Jubiläums im Saal der Mozartschule. So nannte sich damals die heutige Maria-Ward-Schule in der Annastraße. Das Gebäude am Rand der Innenstadt, das den 16. März überstanden hatte, diente als Außenstelle der Stadtverwaltung und als improvisierte Stadtbücherei. Im Saal waren die "Mozart-Lichtspiele", das erste Würzburger Nachkriegskino, untergebracht.

Eine Woche bevor die Jubiläumsveranstaltung der 'Bunten Palette' am 27. Februar 1946 stattfand, waren das Hauptschiff und das östliche Seitenschiff des Doms eingestürzt. 
Foto: Walter Röder | Eine Woche bevor die Jubiläumsveranstaltung der "Bunten Palette" am 27. Februar 1946 stattfand, waren das Hauptschiff und das östliche Seitenschiff des Doms eingestürzt. 

An diesem Abend gab es allerdings keinen Film zu sehen, sondern die "Bunte Palette". Das Publikum hatte Aufmunterung dringend nötig, denn vom Wiederaufbau war noch nichts zu sehen. Eher im Gegenteil: Eine Woche vorher, in der Nacht zum 20. Februar 1946, waren Hauptschiff und östliches Seitenschiff des Domes eingestürzt. Es sollte 26 Jahre dauern, bis das Gotteshaus wieder nutzbar war.

Margarete Röttinger, die damals Margarete Schnellenberger hieß, war eine begabte Tänzerin. Doch trat sie nicht nur in einer Tanznummer auf, sondern sie spazierte auch als Page – das Kostüm stammte aus dem Fundus des Stadttheaters – mit der Programmansage über die Bühne des ausverkauften Saals. "Herzlich willkommen, liebe Leute! Lachen ist die Parole heute", sagte sie zu Beginn des Abends. "Heut werden viele Tränen fließen, doch nicht vom Weinen soll es sein", ging es weiter. "Vom Lachen werden sie ersprießen, wie durch die Sonn’ der Frankenwein."

Zu hören war an diesem Jubiläumsabend die "Ballade vom Hamsterer", die sich auf ironische Weise mit der Tatsache auseinandersetzte, dass auf legalem Weg kaum genug Lebensmittel zum Überleben beschafft werden konnten. Luise Schweiger, die Sekretärin von Stadtrat Georg ("Schorsch") Sittig, pfiff als "pfiffiges Fräulein" im Stil von Ilse Werner, es gab Stepp-Einlagen und Pantomime, Gedichtetes, Gezaubertes und Akrobatisches. Auch Jazz war zu hören, den die Nazis streng verboten hatten. Margarete Röttinger: "Der Abend war ein voller Erfolg. Uns war ein Händedruck des damaligen Oberbürgermeisters Gustav Pinkenburg sicher."

Margarete Röttinger. 
Foto: Roland Flade (Reproduktion) | Margarete Röttinger. 

Die Requisiten wurden nach der Vorstellung, wie nach jedem Auftritt, in einer Kammer im Stadthaus verwahrt; es gehörte zu Rainer Spitznagels Aufgaben, sie dort hinzubringen. Das sorgte manchmal für staunende Blicke. Spitznagel: "Der Akrobat turnte und jonglierte während seines Auftritts zumeist waghalsig auf einer freistehenden Leiter. Eines Tages bezog er einen Tretroller in seine Kunststückchen mit ein."

Der Roller musste nach der Rückkehr vom Veranstaltungsort in die Besenkammer des Stadthauses gebracht werden. Spitznagel: "Natürlich war das mein Job, wobei ich die Aufmerksamkeit der Kolleginnen und Kollegen auf mich zog. Sie hatten, lugend aus ihren Zimmern, offenbar gewettet: Schiebt er oder fährt er?" Rainer Spitznagel fuhr.

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