Würzburg

Von wegen Krebs-Kaffeekränzchen: Was Selbsthilfegruppen leisten

Rat, Trost, Motivation. All das finden Krebspatienten in Selbsthilfegruppen. Vor allem aber geht es um den Austausch mit anderen Erkrankten. Nur: Wie klappt das in der Pandemie?
In Mainfranken unterstützen zahlreiche Selbsthilfegruppen Krebspatienten und deren Angehörige. Allerdings ist der Austausch während der Corona-Pandemie nicht leicht.
Foto: Getty Images | In Mainfranken unterstützen zahlreiche Selbsthilfegruppen Krebspatienten und deren Angehörige. Allerdings ist der Austausch während der Corona-Pandemie nicht leicht.

Sie wären gerade in Pandemie-Zeiten wichtig: Selbsthilfegruppen, die Menschen Halt geben und sie positiv begleiten. Doch persönliche Treffen sind derzeit tabu. Trotzdem in Kontakt zu bleiben, ist keine leichte Aufgabe. Das merken auch die vielen Gruppen, die sich in Mainfranken um Krebspatienten kümmern. Sie fangen Betroffene während der Therapie auf, besprechen Themen der Nachsorge oder bringen Genesene zusammen, um Sport zu treiben. Und auch Angehörige von Krebspatienten finden in Selbsthilfegruppen wertvollen Rat. Normalerweise. Und jetzt?

Lesen Sie auch:

"Es ist gerade nicht einfach", sagt Adriane Sovert von der Krebs-Nachsorgegruppe Bad Königshofen (Lkr. Rhön-Grabfeld). Statt in der direkten Begegnung, versucht die Sozialpädagogin momentan, die Mitglieder übers Telefon zu betreuen. Natürlich kann das Einzelgespräch die Gruppe nicht ersetzen, sagt Sovert. Aber gerade in der Pandemie gelte es, den Genesungsprozess der Betroffenen zu stützen und ihnen Existenzängste zu nehmen.

Selbsthilfegruppen schließen mit ihrer "Laienkompetenz" eine wichtige Lücke

Am mainfränkischen Krebszentrum, dem Comprehensive Cancer Center (CCC) an der Würzburger Uniklinik, weiß dessen Leiter Prof. Ralf Bargou um den Wert von Selbsthilfegruppen. Ihre Bedeutung werde immer größer, "weil der mündige Patient heute viel mehr Information und Zugang einfordert". Gleichzeitig würden diese Bedürfnisse nicht ausreichend vom Gesundheitssystem abgedeckt, sagt der Onkologe. Nicht selten fehle dafür die Zeit. Selbsthilfegruppen tragen dazu bei, diese Lücke zu schließen. Am CCC wird diese "Laienkompetenz" gezielt gefördert: Bis zu 30 Selbsthilfegruppen sind an das Krebszentrum "angedockt", den Kontakt zu ihnen stellen spezielle Lotsen her.

Lesen Sie auch:

Zurecht würden Selbsthilfegruppen – neben der stationären und ambulanten Versorgung sowie dem öffentlichen Gesundheitsdienst – als "vierte Säule des Gesundheitswesens" bezeichnet, findet Gabriele Nelkenstock, Vorsitzende des Vereins "Hilfe im Kampf gegen Krebs". Als externe Selbsthilfebeauftragte des Uniklinikums ist sie Ansprechpartnerin für die Gruppen. Betroffene schöpften aus den Treffen Mut und Zuversicht, ist Nelkenstocks Erfahrung: "Der Austausch in der Gruppe wirkt für viele Menschen befreiend. Sie fühlen sich mit ihren Sorgen und Nöten nicht mehr allein."

Selbsthilfegruppen werden oft als 'vierte Säule des Gesundheitswesens' bezeichnet – zurecht, findet Gabriele Nelkenstock, die externe Selbsthilfebeauftragte des Uniklinikums Würzburg.
Foto: Silvia Gralla | Selbsthilfegruppen werden oft als "vierte Säule des Gesundheitswesens" bezeichnet – zurecht, findet Gabriele Nelkenstock, die externe Selbsthilfebeauftragte des Uniklinikums Würzburg.

Onkologe Bargou kann das nur unterstreichen. Darüber hinaus helfen Betroffene heute teilweise sogar bei der Entwicklung künftiger Therapien mit: Krebspatienten werden für die Planung neuer Studien befragt, ihre Kompetenzen genutzt. Gleichzeitig bieten Selbsthilfegruppen selbst regelmäßig Fortbildungen zu bestimmten Krebserkrankungen an oder laden sich Experten ein. Einige Gruppen werden auch von Psychoonkologen mitbetreut.

Auch Leiter von Selbsthilfegruppen brauchen Anleitung

Zum Beispiel von Dr. Elisabeth Jentschke. Die Leiterin des Psychoonkologischen Dienstes am CCC betont, wie wichtig gerade das "Wir-Gefühl" in Selbsthilfegruppen für Patienten sei. Denn eine Krebserkrankung verändere Menschen und oft auch ihr Netzwerk, ihre Freundschaften. Andere Themen werden wichtig, für die sich in Selbsthilfegruppen der Austausch biete.

Jentschke leitet mehrere Gruppen, ohne selbst Betroffene zu sein. Als Psychoonkologin kenne sie aber die Belastung und Beschwerden der Patienten. So habe sie beispielsweise eine Selbsthilfegruppe für Hirntumorpatienten und explizit auch deren Familien gegründet, "denn Angehörige haben häufig enorme Ängste und benötigen Unterstützung".

Lesen Sie auch:

Auch für Evelyn Flohr-Schmitt, Psychoonkologin bei der psychosozialen Krebsberatungsstelle in Würzburg, bieten Selbsthilfegruppen vor allem eines: einen geschützten Platz für Krebspatienten. Bei den Treffen gehe es darum, Tipps für den Alltag zu geben und zu bekommen – und um das Mutmachen. So würden Betroffene, die Krebs lange überwunden haben, oft wie "Leuchttürme" für Neuerkrankte fungieren. 

Die Bayerische Krebsgesellschaft unterstützt in der Selbsthilfe engagierte Menschen mit regionalen Krebsberatungsstellen. "Wir helfen bei Neugründungen", sagt Flohr-Schmitt, "aber auch bei Problemen in der Gruppe". Außerdem gibt es für die Leiter der Gruppen in Unterfranken pro Jahr zwei Regionaltreffen zum Austausch und zur Fortbildung und das Angebot zur Supervision. Denn so ganz einfach ist es nicht, eine Selbsthilfegruppe zu leiten. Nicht in normalen Zeiten – und schon gar nicht während der Pandemie. 

Kontakt zur Selbsthilfe in Unterfranken

Das Comprehensive Cancer Center (CCC) Mainfranken ist eine gemeinsame Einrichtung des Universitätsklinikums und der Universität Würzburg. Zahlreiche Selbsthilfegruppen sind an das Krebszentrum angegliedert. Infos gibt es unter Tel. (0931) 20135350 oder per Mail an anmeldung_ccc@ukw.de
Die Bayerischen Krebsgesellschaft koordiniert und unterstützt Selbsthilfe ebenfalls, rund 200 Gruppen gibt es dort. Betroffene bekommen hier einen Überblick über Selbsthilfegruppen in ihrer Region: www.bayerische-krebsgesellschaft.de/selbsthilfe-vor-ort 
Quelle: sp/aj
Nichts mehr verpassen: Abonnieren Sie den Newsletter für die Region Würzburg und erhalten Sie dreimal in der Woche die wichtigsten Nachrichten aus Ihrer Region per E-Mail.
Themen & Autoren / Autorinnen
Würzburg
Andreas Jungbauer
Susanne Schmitt
Ambulanz
Die Bayerische
Gabriele Nelkenstock
Gesundheitssystem
Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Kampf gegen Krebs
Krebs und Krebsmedizin
Nachsorge
Professoren
Selbsthilfegruppen
Universitätskliniken
Unterfranken
Lädt

Damit Sie Schlagwörter zu "Meine Themen" hinzufügen können, müssen Sie sich anmelden.

Anmelden

Das folgende Schlagwort zu „Meine Themen“ hinzufügen:

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits.

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
Kommentare (0)
Aktuellste Älteste Top

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!