Würzburg

Immer weniger Innungen in der Region: Was ihr Überleben sichern kann

Innungen sind wichtiger und traditionsreicher Teil des Handwerks. Doch in Unterfranken wird ihre Zahl immer kleiner. Wie die Rettung aussehen kann.
Das Aufstellen eines Zunftbaumes, wie hier 2014 in Bad Neustadt (Lkr. Rhön-Grabfeld), ist eine uralte Tradition der Zünfte. An ihrer Stelle machen sich heute die Innungen für die Handwerksberufe stark. Doch die Zeichen der Zeit bringen gravierende Veränderungen mit sich.
Foto: Karin Nerche-Wolf | Das Aufstellen eines Zunftbaumes, wie hier 2014 in Bad Neustadt (Lkr. Rhön-Grabfeld), ist eine uralte Tradition der Zünfte. An ihrer Stelle machen sich heute die Innungen für die Handwerksberufe stark.

Mancher Handwerksberuf hat Wurzeln bis ins Mittelalter. Eine Zeit, in der die Zünfte eine große Rollen spielten – für das Handwerk wie für die Gesellschaft. Nachfolger der Zünfte sind die Innungen. Sie stehen heute an einem Scheideweg, auch in Unterfranken.

Das zeigt allein diese Tatsache: In den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der Innungen in der Region um 20 Prozent zurückgegangen. 76 gibt es noch im Bereich der Handwerkskammer für Unterfranken.

Minus bei Innungen: Unterfranken an der Spitze

Damit hat der Regierungsbezirk das größte Minus in Franken. In Mittelfranken gibt es acht Prozent weniger Innungen als vor zehn Jahren, in Oberfranken zehn Prozent. Das hat die "Deutsche Handwerks-Zeitung" (DHZ) unter Berufung auf die jeweiligen Handwerkskammern herausgefunden.

Die Innungen im Freistaat stünden "vor großen, teilweise existenzbedrohenden Herausforderungen", wird Geschäftsführer Markus Glasl vom Ludwig-Fröhler-Institut für Handwerkswissenschaften in München in dem DHZ-Beitrag zitiert. Neben sinkenden Mitgliederzahlen hätten die Innungen damit zu kämpfen, dass anders als in der Vergangenheit die Handwerker heute weniger Wert auf Tradition und Standesethos setzten.

Metzgerinnung Main-Rhön: ein Beispiel, wie es laufen kann

Ob das mit dem Standesethos so ist, lässt Obermeister Alfred Kaiser von der Metzgerinnung Main-Rhön unkommentiert. Sicher sei vielmehr, "dass die, die dabei sind, die Innung zu schätzen wissen".

Der Handwerksmeister mit eigenem Geschäft in Aidhausen (Lkr. Haßberge) steht an der Spitze einer Innung, die im Mai vergangenen Jahres aus fünf kleineren entstand und heute 70 Mitgliedsbetriebe hat. Grund für die Fusion: Die Einzelinnungen in Schweinfurt, den Haßbergen, Bad Kissingen, Rhön-Grabfeld und Kitzingen waren zu klein geworden, weil vor allem das landläufig bekannte Metzgereien-Sterben um sich griff.

Alfred Kaiser aus Aidhausen ist der Obermeister der 2019 gebildeten Metzgerinnung Main-Rhön.
Foto: Sabine Weinbeer | Alfred Kaiser aus Aidhausen ist der Obermeister der 2019 gebildeten Metzgerinnung Main-Rhön.

Seine Fleischerinnung Haßberge habe zuletzt noch elf Mitglieder gehabt, erinnert sich Kaiser. Da sei nur noch wenig zu stemmen gewesen. Zudem hätten derart kleine Innungen bei Landesversammlungen kein Stimmrecht mehr.

Durch die Fusion "tun wir uns jetzt leichter", meint Jürgen Straub vom Fleischerring in Schweinfurt. Seine Genossenschaft führt die Geschäfte der Metzgerinnung Main-Rhön. Was effektiver sei, als wenn fünf kleine Innungen alles selbst machen, so Straub.

Friseurmeisterin Margit Rosentritt aus Schweinfurt spricht als Kreishandwerksmeisterin für zehn Innungen im Gebiet Main-Rhön mit zusammen 582 Mitgliedsbetrieben. Das seien rund sieben Prozent weniger als noch in 2017.

Für den Rückgang sieht Rosentritt mehrere Gründe. Zum einen fehle manchem jungen Firmengründer ein Bezug zu einer Innung. "Ich bin doch jetzt Mitglied bei der Handwerkskammer – das reicht", höre sie bisweilen. Zum anderen gebe es einen allgemeinen Schwund an Betrieben, zum Beispiel bei den Bäckern oder Schreinern.

"Wie viele Fusionen verträgt die Regionalität?"
Schweinfurts Kreishandwerksmeisterin Margit Rosentritt über den Konzentrationsprozess bei Innungen
Kreishandwerksmeisterin Margit Rosentritt (Schweinfurt)
Foto: Martina Müller | Kreishandwerksmeisterin Margit Rosentritt (Schweinfurt)

Was die Metzgerinnung Main-Rhön mit ihrer Fusion geschafft hat, findet Rosentritt nicht verkehrt. Schließlich könnten sich größere Innungen eine eigene Geschäftsstelle leisten, womit dann nicht die ganze Arbeit am ehrenamtlichen Obermeister hänge. Doch der Trend zu immer größeren Innungen werfe die Frage auf: "Wie viele Fusionen verträgt die Regionalität?"

Rosentritt spielt damit auf Zusammenschlüsse wie im Fall ihrer Friseurinnung Main-Rhön an. Da kamen Rhön-Grabfeld und Schweinfurt zusammen – mit jeweils eigenen Gepflogenheiten. So hätten sich die Schweinfurter daran gewöhnen müssen, dass man zum traditionellen Aufstellen von Zunftbäumen schon mal zu den Kollegen in die Rhön fährt. Zunftbäume seien in Schweinfurt kein Thema, so Rosentritt.

Seit 2014 hat die Handwerkskammer für Unterfranken nach eigenen Angaben sieben Fusionen von zusammen 20 Innungen genehmigt. Gerade der Zusammenschluss zur Metzgerinnung Main-Rhön zeige, dass ein solcher Schritt die Handlungsfähigkeit von Innungen gewährleiste.

Was Mitglieder an Innungen offenbar schätzen

Geht von weiteren Fusionen der Innungen aus: Ludwig Paul, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer für Unterfranken
Foto: Daniel Röper | Geht von weiteren Fusionen der Innungen aus: Ludwig Paul, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer für Unterfranken

Das haben schon vor drei Jahren die Bauinnungen Würzburg, Kitzingen, Lohr/Marktheidenfeld und Miltenberg erkannt. Heraus kam eine gemeinsame Innung, die zur zweitgrößten ihrer Art in Bayern geworden ist und sich das auf die Fahne schreibt, was auch Schweinfurts Kreishandwerksmeisterin Margit Rosentritt als großen Vorteil für ihre Mitglieder sieht: "Was viele schätzen, ist der Erfahrungsaustausch innerhalb der Innung."

Weil es in manchen Bereichen des Handwerks schlicht und einfach immer weniger Betriebe gibt, kommt es nach Ansicht von Hauptgeschäftsführer Ludwig Paul von der Handwerkskammer für Unterfranken "bei den regionalen Innungen zu einem Konzentrationsprozess". Dies sei "ein probates Mittel", wenn Innungen mangels Mitglieder immer kleiner werden. Das Ende sei noch nicht erreicht: "Ich gehe davon aus, dass wir weiterhin einen Konzentrationsprozess beobachten", wird Paul in einer Mitteilung der Kammer vom Donnerstag zitiert.

Für Metzger-Obermeister Alfred Kaiser in Aidhausen fällt fast ein Jahr nach der Fusion seiner Innung das Fazit positiv aus: Die meisten Mitglieder sähen ein, dass der Zusammenschluss "ein guter Zug war".

Innungen, Kreishandwerkerschaft und Handwerkskammer
Ausrichtung: Innungen verstehen sich in der Nachfolge der Zünfte als die Sprachrohre der jeweiligen Handwerksberufe, sind Körperschaften des öffentlichen Rechts und Teil der Selbstverwaltung des Handwerks. Sie spielen eine wichtige Rolle bei der Berufsausbildung im Handwerk, nehmen die Gesellenprüfungen ab und sind für die überbetriebliche Unterweisung der Lehrlinge zuständig. Dachverband aller Innungen in einer Region ist die Kreishandwerkerschaft. Im Gegenzug vertreten die Handwerkskammern die Interessen des gesamten Handwerks. Die Kammern üben die Rechtsaufsicht über die Innungen aus und haben so zum Beispiel über deren Fusionen oder Auflösungen zu befinden.
Mitgliedschaft, Ehrenamt: Die Mitgliedschaft in einer Innung ist für Handwerksbetriebe freiwillig, in einer Handwerkskammer dagegen Pflicht. Die Obermeister als ranghöchste Vertreter der Innungen sind im Ehrenamt tätig. Um sie zu unterstützen, lädt die Handwerkskammer für Unterfranken nach eigenen Angaben jedes Jahr alle Obermeister der Region ein, um über aktuelle Themen rund um Innungen zu informieren. Zudem gebe es spezielle Portale im Internet sowie kostenfreie Seminare für Ehrenamtliche in den Innungen.
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