publiziert: 30.01.2012 19:52 Uhr
aktualisiert: 01.02.2012 16:20 Uhr
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Selbstmord in Asylheim: Trauer um Flüchtling

Mohammad R. aus dem Iran hat sich das Leben genommen. Landsleute sind entsetzt und wütend.
  • Foto: Andreas Jungbauer
    Mitgefühl: Bewohner der Gemeinschaftsunterkunft in Würzburg vor dem Haus, in dem Mohammad R. sich das Leben genommen hat.
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Sie haben eine Art Altar am Haus 305 aufgebaut, direkt hinter dem Eingang zur Würzburger Gemeinschaftsunterkunft (GU) für Asylbewerber. Eine iranische Flagge haben sie dort ausgebreitet, Blumen darauf gelegt und Kerzen hingestellt – außerdem drei Teller mit Halva-Teig, so wie es üblich ist im Iran, wenn jemand stirbt.

Einige Männer debattieren lautstark in der Januarkälte, andere sind schweigsam, eine Frau weint. Was sie an diesem Tag eint, ist die Trauer um einen der Ihren. Der 29-jährige Mohammad R. aus dem Iran hat sich in der Nacht auf Sonntag in seinem Zimmer erhängt. Es ist der erste Suizid im Asylbewerberheim an der Veitshöchheimer Straße seit der Öffnung 1992. Unter den aktuell 447 Bewohnern sind laut Regierung von Unterfranken 57 Iraner. Besonders die Landsleute des Toten sind schockiert, traurig – aber auch wütend.

Es war am späten Samstagabend. Während seine Freunde im dritten Stock im Haus 305 zusammensaßen, hatte sich R. zurückgezogen. Sein Mitbewohner Hussein Bahrami Nejad berichtet, er habe nach ihm schauen wollen. Doch das gemeinsame Zwei-Mann-Zimmer war abgeriegelt. Da alarmierte er Sicherheitsdienst und Polizei. Die fand R. nur noch tot. Einen Abschiedsbrief gibt es nicht.

    
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In der Rückschau erscheint es, als habe sich das Unglück an diesem Samstag irgendwie angebahnt. Am späten Nachmittag, so erzählen andere Flüchtlinge, habe R. über Kopfschmerzen geklagt. Es gehe ihm nicht gut. Daraufhin wurde über die Pforte der Notarzt verständigt. Ein Krankenwagen brachte ihn zur Untersuchung in die Uniklinik. Nach Angaben von GU-Leiter Armin Sauermann kehrte der Iraner gegen 20.30 Uhr wieder aus dem Krankenhaus zurück.

Als auffallend ruhig wird Mohammad R. von Mitbewohnern und Heimleitung beschrieben, als sehr kontrolliert: kein Alkohol, keine Zigaretten. Dafür machte er, in seinem Zimmer, viel Sport. Er trainierte mit Hanteln. Der Familienvater – er hinterlässt im Iran seine Frau und einen achtjährigen Sohn – war in seiner Heimat im Polizeidienst. Bis er eines Tages, so erzählen es die Freunde, den Befehl verweigerte. Er sei gefoltert worden. Dann floh er nach Deutschland. Nach zwei Monaten in der Zirndorfer Erstaufnahme-Einrichtung kam er Anfang September nach Würzburg. Sein Asylantrag lief, bislang ohne Ergebnis. Die Unsicherheit, sagen die anderen, habe ihm zu schaffen gemacht. Auch die Lebensumstände in der GU in der Veitshöchheimer Straße.

Wiederholt, das berichten unabhängig voneinander gleich mehrere Bewohner, habe er die Atmosphäre in der ehemaligen Kaserne beklagt: Es sei hier wie im Gefängnis. Die Umgebung erinnere ihn ständig an die Polizei, an das Gefängnis im Iran, an die Folter. Auch gegenüber Ärzten soll er dies geäußert haben. Mohammad R. wollte angeblich das Heim wechseln, wäre gerne in die Kölner Gemeinschaftsunterkunft umgezogen, weil dort seit einem Jahr seine Schwester lebt. „Aber sein Antrag ist abgelehnt worden“, berichtet der iranische Asylbewerber und Journalist Arash Zehforoush. So wie der Antrag etlicher Iraner, die die Ex-Kaserne in Würzburg gerne verlassen wollen.

Immerhin: Zweimal durfte R. für jeweils zehn Tage seine Schwester in Köln besuchen. Zuletzt hatte er laut Regierung eine Genehmigung bis 15. Januar. Doch R. verlängerte seinen Besuch bei der Schwester ohne Erlaubnis. Seine iranischen Freunde in Würzburg waren darüber informiert. Für Heimleitung und Regierung dagegen galt er als „untergetaucht“. Am Wochenende kehrte Mohammad R. schließlich nach Würzburg zurück.

Der 29-Jährige muss sich seit seiner Ankunft im September deutlich verändert haben. Als „lebensfrohen Menschen“ hätten sie ihn kennengelernt, sagen iranische Freunde. Er habe am Anfang noch gelacht, auch getanzt. Doch im Laufe der Monate habe ihn die Situation im Würzburger Flüchtlingsquartier immer mehr bedrückt. „Er war aktiv, wollte sein Leben in die Hand nehmen“, erzählen sie. Doch er fühlte sich eingesperrt: „Ich kann doch nicht dauernd in meinem Zimmer bleiben“, soll er geklagt haben. Dass andere Iraner teils fünf oder sieben Jahre in dieser perspektivlosen Lage leben – das habe ihn fertiggemacht. So fertig, dass er zuletzt sogar einen Antrag auf Rückkehr in den Iran gestellt hat, wissend um die Gefahr, die ihm dort durch das Regime drohen würde.

Vor Weihnachten hatte sich seine psychische Verfassung offenbar weiter verschlechtert. „Er ist depressiv geworden“, berichtet sein Zimmergenosse. Knapp zwei Wochen lang wurde er in der geschlossenen Psychiatrie behandelt. Dann kam er wieder in die Gemeinschaftsunterkunft. Nach seinem Suizid haben einige Landsleute zwei Laken an das Haus 305 gehängt: „Er ist für Freiheit gestorben“, steht darauf. Und: „Er war auf der Suche nach der Freiheit. Das ist das Ergebnis.“

Mit diesen Transparenten sind rund 70 Asylbewerber am Montag für eine spontanen Trauerkundgebung zum Würzburger Vierröhrenbrunnen gezogen. Kerzen haben sie angezündet und damit ein fotokopiertes Bild des Toten umrahmt. Sie suchen ein Ventil für ihr Entsetzen, für ihre Gefühle, die Hassan Hosseinzadeh – unwidersprochen von anderen Iranern – so zusammenfasst: „Wir sind alle gestorben. Wir atmen, wir leben nicht.“ Die Demonstration sei eine Mahnung, Mohammad R. nicht zu vergessen, und: „Ein Appell, damit nicht einer von uns den Nächsten im Zimmer findet.“ Es ist die Angst von Asylbewerbern, die ebenfalls das Lagerleben in der GU bemängeln. Rund 70 Bewohner, das bestätigt die Heimleitung, haben am Montag ihr Essen nicht abgeholt. Während GU-Chef Sauermann dies mit religiösen Motiven trauernder Muslime erklärt, sprechen die Iraner von einer gezielten Protestaktion, an der sich auch Asylbewerber anderer Herkunft („mehr als 70“) beteiligten. Auch Dienstag und Mittwoch wolle man das Essen verweigern.

Einer hat einen Zettel an den Altar am Haus Nummer 305 gehängt und auf Persisch geschrieben: „Wir haben unser Zuhause verloren. Hier zeigt man mit dem Finger auf uns.“ Es steckt der Vorwurf darin, dass die äußeren Umstände in Deutschland, in Würzburg, Mohammad R. in den Tod getrieben hätten. Andere Flüchtlinge sind da zurückhaltender, sprechen von einer persönlichen Ausweglosigkeit. Gleich wie – der Tod von Mohammad R. wühlt nicht nur die Iraner in der Gemeinschaftsunterkunft auf. An einem Ort, der doch Zuflucht sein soll, und nicht Sackgasse.

Von unserem Redaktionsmitglied Andreas Jungbauer
    
    

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»Alle 50 Kommentare anzeigen Die neuesten Kommentare

arashkhan (1 Kommentare) am 23.02.2012 02:23

DEUTSCHLAND

Im Juni dieses Jahres bin ich dann seit 13 Jahren in Deutschland. Bin mittlerweile 26 Jahre alt, also genau die hälfte meines Lebens habe ich hier verbracht. Betrachte dieses Land als meiner Heimat. Ich studiere hier, und das witzigste dabei ist dass ich eine Duldung besitze die nur Monat für Monat verlängert wird. Nicht mal einen Arbeitserlaubnis hab ich, obwohl ich hier studiere. Wie soll man seine Studiengebühren in der höhe von 800 € pro Semester bezahlen wenn man nicht mal Arbeiten darf? Gerade wo man Jung ist und die Kraft und die Energie dafür hat und endlich mal auf den geraden Weg eingeschlagen ist wird einem die ganzen Zeit nur Steinen in den Weg gelegt.
Deutschland hat soviele gesetzte dass sie selbst nicht mehr hinterher kommen und das beste daran ist dass jede Behörde die Arbeit auf andere Behörde verschiebt und man muss immer nur hinterher laufen um ende nur zu erfahren dass man es umsonst gemacht hat und es einen einfachen Weg gibt.
Schade einfach dass in diesem Land die Herzen der Menschen einfach Kalt geworden sind aufgrund von Konsumgütern und Geld...
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Lkwhorst (3 Kommentare) am 01.02.2012 11:43

Freitot eines Iraner

Hat jemand die vielen tragischen Fälle von jungen Leuten bei uns in der Republik gezählt ,die den Freitot gewählt haben da wird kein Wort darüber verloren.Keiner zwingt sie zu uns zu kommen.
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SarahBenYahya (2 Kommentare) am 03.02.2012 04:30

traurig

traurig finde ich Ihren Kommentar.
Keiner zwingt sie dazu zu uns zu kommen? Denken Sie bitte noch einmal über ihr Geschriebenes nach!
Trauriger finde ich noch, dass es weitere 4 Leute gibt, die Ihre Meinung unterstützen.
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SarahBenYahya (2 Kommentare) am 31.01.2012 22:06

Fassunsglos

Wie mein Titel schon sagt, bin ich wirklich FASSUNGSLOS über einige Kommentare.

Ich habe den Eindruck, dass viele sich nicht bewusst sind, wie unglaublich demütigend und verletzend ihre Worte sind und mit was für einer Naivität und menschenverachtender Boshaftigkeit irgendwelche Phrasen in den Raum gestellt werden. Selbstverständlich ist jeder Freitod tragisch und v.a. für Familie und Freunde ein unglaublich trauriges Erlebnis. Man sollte jedoch nicht außer Acht lassen, dass es hier nicht nur um den Tod eines Menschens geht. Es geht darum, dass diese Menschen, die in ihrem Heimatland gefoltert, verfolgt oder erniedrigt werden, zu uns kommen, voller Hoffnung, Wünsche und Sehnsüchte und dann hier angekommen so bitterlich im Stich gelassen werden. Eine Flucht nach Deutschland ist nicht, wie scheinbar einige hier denken, ein kurzer Trip mit dem Flugzeug in der Economy Class mit kleinem Snack und erfrischenden Getränken. Ich finde es unglaublich, solchen Menschen zu unterstellen, dass sie "nur behaupten" gefoltert zu werden.....

Ich bin traurig, traurig über den Tod eines tapferen und mutigen Menschen... aber auch über die Herzlosigkeit einiger meiner Mitmenschen!
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bamag (174 Kommentare) am 01.02.2012 11:28

Mir geht es genau wie Ihnen...

...bei vielen Kommentaren bleibt mir die Luft weg, wie kalt, ignorant und herzlos sie sind.
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